SICHTBAR . UNSICHTBAR

„Wir können unsere Schlüsse über das Unsichtbare ziehen, aber alles, was wir schaffen können, ist eine Analogie zum Unsichtbaren, nicht aber das Unsichtbare selbst.“
Gerhard Richter

Gerhard Richters Zitat weist auf einen Umstand hin, der die Wahrnehmung unserer Wirklichkeit und den Versuch, diese Wirklichkeit abzubilden, in ein Dilemma bringt.

Das Unsichtbare sichtbar zu machen ist bei genauerer Betrachtung ein Ding der Unmöglichkeit. Wir können zwar auf das Unsichtbare hinweisen, also dessen Existenz mit relativer Sicherheit voraussetzen, aber darstellen können wir nur ein Gleichnis, also ein Ähnliches, das für das Unsichtbare steht, aber es nicht selbst ist.

Der Zufall bringt bisher Unsichtbares an den Tag: Unsichtbares, Unbewusstes, Ungesagtes, Unsagbares. Wie aber kann aus dem Nichts des Zufalls etwas entstehen, dass uns irgendetwas zu sagen scheint ? Was es sagt, bleibt offen, eine Art Geheimnis. Doch wie über das reden, was man nicht sehen kann, die übermalten Schichten, die nicht mehr existieren ? Die Antwort ist einfach: sie existieren trotzdem. Sie sind durch Abfärbungen, Überfärbungen und Vermischungen in die sichtbare Schicht aufgenommen. Doch wie kann man mit der sichtbaren Schicht umgehen ? Der beste Weg ist es, mit dem Sichtbaren die unmöglichsten und vielleicht auch unangemessensten Assoziationen zu erlauben. Das Material, die Farben, die Werkzeuge verbinden sich mit Erinnerungen, psychischen Befindlichkeiten, Intuitionen, Erfahrungen und Vielem mehr, was in irgendeiner versteckten oder benennbaren Weise auf den Malprozess einwirkt. Das Malen abstrakter Bilder ist so gesehen sehr viel konkreter als es die Bezeichnung „abstraktes Bild“ eigentlich hergibt.

Das bisher Aufgeschlüsselte betrifft vor allem die Sicht des Kunstschaffenden selbst im Zuge der Herstellung eines „abstrakten Bildes“. Beim Betrachten eines „abstrakten Bildes“ fällt meist zunächst ein Chaos aus Farben und Formen auf. Tatsächlich arbeitet ein „abstraktes Bild“ mit dem komplexen Zusammenspiel von Ordnung und Chaos. Wenn sich der Betrachter Zeit nimmt, dann kann er Muster und sogar eine Textur erkennen. Jede Farbschicht reagiert harmonisch auf andere Farbschichten. Manchmal ist sie integriert und manchmal ein starker Gegensatz von Farbe und Schattierung. Durch das Abkratzen und Abschaben der Farbe werden Schichten freigelegt, mit Effekten von Übergängen von einer Farbe zur anderen. Dieser Schichtungs- und Entfernungseffekt – so könnte man sagen – spiegelt in gewisser Weise das Leben selbst wider: chaotisch, unzusammenhängend und doch, wenn man es genau betrachtet, gibt es viel mehr zu entdecken: Unerwartetes, Unerklärliches, Über-raschendes, Verdrängtes, Unverfügbares etc.

Die Welt, die sich in den „abstrakten Bildern“ eröffnet, ist eine Welt der Kunst, manchmal betörend, manchmal befremdend, erhellend und erklärend. Das Unsichtbare kann in den „abstrakten Bildern“ also das Unbekannte sein, das Unterbewusste genaus wie das noch nicht Gesehene. Die Aneignung solcher „abstrakten Bilder“ geschähe dann durch die Kombination aus wiederkehrendem Bild, gefühlter Intuition und subjektiver Bedeutung.

Alles, was sichtbar ist, kann mit unseren Sinnen berührt werden. Aber nicht alles, was berührt, kann gesehen werden. Der Blick selbst berührt die Dinge und umhüllt sie. Man könnte sagen, der Blick selbst macht sich zum Komplizen der Dinge, also auch zum Komplizen des „abstrakten Bildes“.

Johann Georg Ludwig / März 2025

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